Intuitive Ernährung - Sinn und Unsinn

Geschrieben von Danny T. Schneider

Befreit euch von Diäten und Abnehmzwängen! Die intuitive Ernährung macht wieder die Runde und verspricht den Wohlfühlkörper im Einklang mit sich selbst. Das Konzept müsste mir eigentlich gefallen, intuitiv abnehmen kann man nämlich ohne zum Orthorektiker zu mutieren und seine Gedanken ständig um das richtige Essen kreisen zu lassen. Aus dem schlank werden ohne Mühe wird aber für die meisten nichts und zwar aus einem entscheidenden Grund.

Was ist intuitive Ernährung?

Wie haben Menschen in grauer Vorzeit eigentlich neue  Nahrungsmittel gesourct, um es mal neudeutsch auszudrücken? Vielleicht wurde der Entbehrlichste vorgeschickt, sich den Bauch vollzuschlagen. Wenn er unter Krämpfen zusammenbrach, machten die Umstehenden auf der Steintafel ein Kreuz bei “lieber nicht” und zogen weiter, bis etwas essbar aussah. 

Knollenblaetterpilz
Hier könnte die intuitive Ernährung versagen: der Knollenblätterpilz tötet erst nach bis zu 10 Tagen!

Nach diesem Prinzip müsste es viele vergessene Helden der Ernährung geben. Wahrscheinlicher ist aber, dass unsere Vorfahren ein intuitives Wissen über Ernährung hatten, dass für den modernen Menschen an Hexerei grenzt. Aussehen, Geruch, Geschmack qualifizierten oder disqualifizierten ein potenzielles Nahrungsmittel für weiteren Verzehr, vorerst in kleinen Mengen. Veränderungen im Energielevel und kleinste Abwehrreaktionen des Körpers wurden wahrscheinlich schnell festgestellt, ganz einfach, weil das Überleben des Individuums von diesem Gespür abhing. Angewandte Empirie. 

Die Evolution hat den Darm des Menschen mit 100 Millionen Nervenzellen ausgestattet, um genau diese intuitive Ernährung möglich zu machen. Wenn wir situativ Dinge zu wissen glauben, ohne auf intellektuelles Faktenwissen bezug nehmen zu können, dann tritt dieser uralte Prozess in Kraft. Die oftmals zitierte Vagusnerv-Verbindung, vom Darm zum Gehirn, mag genau aus diesem Grund entstanden sein. Bei Dingen wie der alltäglichen Ernährung konnte man nicht warten, bis Wissen durch Feldstudien bestätigt wurde. Man musste “intuitiv” wissen. 

Disclaimer: In den unendlichen Weiten des Internets kursieren einige wilde Theorien darüber, wie man den Vagusnerv beeinflussen und damit quasi seine Gesundheit, sein Liebesleben und seine Jobchancen verbessern kann. Die meisten davon haben mit gefährlichem Halbwissen und deinem Geld zu tun. Von derlei Voodoo möchte ich mich ausdrücklich distanzieren. Hier geht es ausschließlich um Ernährung. 

Genau dieses Konzept macht sich die intuitive Ernährung zu nutze und wie so oft ist die Sache in der Theorie zu schön, um nicht gehypt zu werden. Höre auf deinen Körper und nicht auf die Diät-Gurus. Von außen aufoktroyierte Diäten funktionieren nicht, du musst deinen eigenen Weg finden, im Einklang mit deinem Körper zu leben.  Ach ja, diese Aussagen findet man, in Varianten, tatsächlich zum Thema im Internet: 

  • Respektiere deine Sattheit
  • Bewege dich, aber nicht um abzunehmen
  • Iss mit Freude, statt mit schlechtem Gewissen
  • Höre nicht auf die Essenspolizei
  • Finde heraus, wie befriedigend essen sein kann

Nun stelle ich mir wieder diesen übergewichtigen Angestellten vor, den ich quasi immer vor Augen habe, wenn ich über Ernährung schreibe. Er steht seinem Job gleichgültig gegenüber, wenn er ihn nicht gerade hasst, und kommt abends in eine leere Wohnung. Mama hat ihm nicht gezeigt, wie man naturbelassene Nahrung zubereitet und sein Stresspegel ist chronisch erhöht, weil er in der Firma nur “der Dicke” genannt wird. Er schläft schlecht, schnarcht, sein Cortisol geht durch die Decke und der Körper verlangt nach schnell verfügbaren Zucker, um mit dem Stress irgendwie klarzukommen. Derlei Fehlernährung hat sein Insulin ebenfalls chronisch ansteigen lassen, weswegen sich Entzündungen in seinem Körper bilden und die jedes Jahr wachsenden Fettdepots auch mit halbherzigen Sportversuchen nicht einzudämmen sind. 

Konfrontiere ich diesen Menschen mit den oben gezeigten Aussagen, wird er antworten: Das mache ich doch alles schon!

Natürlich hat er recht. Er tut genau, was sein Körper ihm sagt, wahrscheinlich schon seit seiner Kindheit und fast ebenso lange spielt sein Körper verrückt. Sein Cortisol sagt ihm, dass keine Zeit ist für langwierige Verwertung von Makronährstoffen. Er befindet sich im Ausnahmezustand – seit Jahren! Sein Insulin sagt ihm, dass jetzt keine Zeit ist, Fettreserven anzugreifen, es muss weiter jede verfügbare Energie eingelagert werden – rund um die Uhr. Sein Leptin, besser gesagt, das Fehlen des Signals im Hypothalamus, sagt ihm, dass er jetzt auf jeden Fall noch nicht satt ist – bei jeder Mahlzeit. 

Diesem Menschen wollen die Verfechter der intuitiven Ernährung nun raten, er solle tief im Rauschen seines Blutes die Stimme hören, die ihn zur richtigen Ernährung führt. Er solle aufhören zu essen, wenn er satt ist. Der Selbstversuch ist übrigens unnötig, ich weiß genau, was die “Intuition” einem Menschen in dieser Situation sagen wird.

Intuitive Ernährung als Universalbegriff

Dabei scheint auch die Bedeutung der Intuition bei den Verfechtern dieser Ernährungsmethode einer gewissen Wechselhaftigkeit unterworfen zu sein. Schon vor einiger Zeit machte das Magazin Der Stern mit dem Clickbait auf

Intuitiv essen – warum diese Frau keine Diäten mehr macht

und noch bevor sich der unbedarfte Leser fragen kann, warum ihn das überhaupt interessieren sollte, bekommt er schon die Begründung geliefert. Melanie, das ist diese Frau, machte sich am thailändischen Strand Gedanken über ihre Oberschenkel, wollte sich aber nicht länger nur von Reis mit Gemüse und Früchten ernähren. Soweit, so nachvollziehbar. Mellies knallharte Abkehr von Ernährungsvorschriften drückte sich damals so aus: “Ich esse ohne Verbote, ohne Regeln. Das, worauf ich Lust habe. Auch Schokolade und Süßigkeiten”.

Seitdem hat sie zwar nicht abgenommen, aber ihr Idealgewicht hat sich eingependelt und es ist aus meiner Sicht zu bezweifeln, dass sie jemals ein ernsthaftes Gewichtsproblem hatte. Melanie vermutet(!) aber, dass die Methode der intuitiven Ernährung auch stark übergewichtigen Menschen helfen könnte. Eine Vermutung, die ich ebenfalls bezweifle. 

Intuitve Ernaehrung 2
Photo by Oliver Sjöström on Unsplash

Schaut man heute auf Melanies Youtube-Kanal, fallen einem vor allem zwei Aspekte ins Auge: sie ist schwanger und vegan. Und während ersteres noch relativ frisch zu sein scheint, stellt der durch den investigativen Stern Artikel informierte Leser etwas erstaunt fest, dass schon ihre ersten Videos, satte zwei Jahre vor dem Stern Artikel, um das Thema vegane Ernährung kreisten – außerdem ist zu erahnen, dass bis zur Schwangerschaft keine größere Figurveränderung stattgefunden hat. Warum lautet der Stern Untertitel eigentlich: “warum diese Frau keine Diäten mehr macht?” Wann hat sie jemals Diäten gemacht? Mit 16?

Wie intuitiv die vegane Ernährung an und für sich ist, mag sich jeder selbst ausrechnen. Es drängt sich aber der Gedanke auf, dass hier ein schneller Lifestyle-Artikel im Austausch für ein wenig Promotion des Youtube Kanals erstellt worden ist. Sollte sich der Prozess so abgespielt haben, kann man das sicher nicht der Intuitiven Ernährung in die Schuhe schieben. Doch die Tatsache, dass eben jener Artikel das Top Ergebnis bei der Google Suchanfrage zum Thema intuitive Ernährung ist, lässt darauf schließen, wie viele Menschen Melanies vermeintlichen Sinneswandel schon nachgeeifert und vermutlich in der Mehrzahl gescheitert sind. 

Letztendlich verkauft sich die intuitive Ernährung als Wohlfühldiät, die aber keinerlei Orientierungspunkte und Handlungsanweisungen liefert als die, welche die Betroffenen erst in die Misere geritten haben. Schlimmer noch: der Ansatz ignoriert vollends, dass sich die Problematik bei den meisten Betroffenen in einem Stadium einer ernsten Erkrankung befindet. 

Nichts gegen alternative und traditionelle Behandlungsmethoden, aber wenn ich einem chronisch kranken Menschen rate, er solle sich einfach gesund denken, dann nutze ich seine Notsituation aus und vergrößere sein Leid. Der Tipp, er solle Zucker nur noch in homöopathischen Dosen zu sich nehmen, wäre ungefähr genauso sinnvoll.

Um es bei der all der scharfen Kritik nochmal ganz deutlich zu sagen: der Ansatz der intuitiven Ernährung kann funktionieren, aber mutmaßlich nur bei Menschen, die sich nicht allzu weit von der richtigen Ernährung entfernt haben. Für den adipösen Teil der Bevölkerung, der sich bereits seit Jahren im Teufelskreis der Fehlernährung befindet, ist diese Methode völlig ungeeignet und zwar, weil sie im Kern nur eine weitere Radikaldiät ist. Mit verkehrten Vorzeichen allerdings, denn hier werden radikal wenig Hinweise auf korrekte Ernährung gegeben, im Grunde gar keine, außer kryptische Aussagen, wie oben zitiert. Dabei führen weder minutiöse Kochrezepte noch laissez fair Ansätze wie die intuitive Ernährung zum Ziel. 

Ein richtiger Ansatz berücksichtigt den Punkt, von dem die meisten Menschen mit Gewichtsproblemen starten. An diesem Punkt ist es weder hilfreich, den Hilfesuchenden mit detaillierten Vorschriften zu überfrachten, die er realistisch nicht über einen längeren Zeitraum umsetzen kann, noch macht es Sinn, die Person im luftleeren Raum mit seinem eigenen Gefühl zur Ernährung hängen zu lassen. Stattdessen bedarf es Handlungsanweisungen, die konkret umsetzbar sind, dabei aber genug Freiraum lassen, um in den jeweiligen Tagesablauf integriert zu werden.

Fazit

Einen Punkt haben die Verfechter der intuitiven Ernährung richtig verstanden: die meisten Ernährungskonzepte zwängen Betroffene in ein Korsett, dass ihnen an diesem Punkt der Reise schlichtweg nicht passt und in vielen Fällen generell ungeeignet ist. Daraus entsteht Frust über das eigene Versagen, obwohl der Fehler in der Herangehensweise und nicht in der Umsetzung liegt. 

Etwas als falsch zu erkennen bedeutet nicht, dass das Gegenteil richtig ist. Hört sich banal an, dennoch fällt man in verschiedenen Bereichen des Lebens erstaunlich häufig darauf rein, #falsedichotomy. So fürchte ich, dass sich einige Übergewichtige, nachdem sie von traditionellen Diäten zurecht enttäuscht wurden, mit der intuitiven Ernährung durch eine weitere Niederlage kämpfen müssen, bevor sie andere, weniger radikale Optionen als den Idealweg zum gesunden Körpergewicht erkennen. 

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