Schlechte Ernährung macht dicke Menschen

Geschrieben von Danny T. Schneider

Jetzt weiß es die Welt: Menschen werden immer dicker!

Während Publikationen aller Coleur völlig zurecht auf die Gefahren der Fettleibigkeit hinweisen, eine Gefahr, die für einen großen Teil unserer Bevölkerung wesentlich realer ist als die vermuteten Folgen des Klimawandels, bleibt man seltsam vage bezüglich möglicher Ursachen der Krise. Mir will einfach nicht einfallen warum. 

Übergewicht in Deutschland

Die Welt Online bezieht sich auf Untersuchungen der werdenden Doktorin Maria Brandkvist in Norwegen. Das Magazin weiß zu berichten: 

“Egal ob genetisch für Übergewicht vorbelastet oder nicht – die Menschen in Industrieländern legen im Schnitt seit etwa drei Jahrzehnten deutlich an Gewicht zu. … Der Studie zufolge stieg der Unterschied im BMI von Menschen mit oder ohne solche genetische Veranlagung seit 1960 schrittweise an.”

Positiv zu werten ist die Feststellung, dass genetische Faktoren offensichtlich nicht in letzter Konsequenz die weltweite Pandemie der Fettleibigkeit erklären können, wie ich an dieser Stelle bereits beschrieben habe. Ohnehin würde die oftmals in den Raum gestellte Behauptung, dass man als voluminöser Mensch vom Betreiber des Genpools ein paar üble Karten zugeteilt bekommen hat, den Handlungsspielraum auf individueller Ebene stark verengen. Ich persönlich würde es mir mit dieser Erkenntnis auf der Couch gemütlich machen und pro “Fett-Gen” mindestens eine Tüte Pizzabällchen futtern. Aber, gottlob, die Gene sind es nicht. 

Ursachen und Folgen von Übergewicht

Hingegen sollte man hellhörig werden, wenn mehr oder minder konkrete Jahreszahlen als Beginn der Malaise festgelegt werden. Die Welt hat gleich mehrere davon zu bieten. Neben dem oben genannten “seit 1960” gibt es noch “einen besonders deutlichen Anstieg des Gewichts … zwischen 1984 und 1997.” Weiterhin wird beschrieben, dass sich die Rate der Fettleibigkeit laut WHO von 1975 bis 2016 global verdreifacht hat. 

Wir haben also einen stetigen Anstieg an übergewichtigen Menschen seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu verzeichnen, mit einer gewissen Emphase auf den Bereichen 1975-folgend und 1984-folgend und wissen angeblich nicht viel über die Ursachen, außer dass es nicht allein an den Genen liegen kann. Wissen kann ich das natürlich auch nicht, möchte aber bei der Gelegenheit folgende Chart über Zuckerkonsum in den USA, stellvertretend für die westliche Standardernährung, ins Spiel bringen:

Bild: Zuckerkonsum und Übergewicht
NuFS, San Jose State University [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Infografik Ernährung und Übergewicht in Deutschland
Infografik Ernährung und Gesundheit in Deutschland Copyright Taylorfit – 2019

Auffällig sind an dieser Darstellung zwei Dinge: zum einen hat die Industrie irgendwann entdeckt, dass Zucker nicht der billigste Stoff ist, mit dem man Fertiggerichte füllen kann, es ist hoch-fruktosehaltiger Maissirup (HFCS). Ich würde meinen, dies war ungefähr 1975 der Fall, wenn ich die Kurve richtig lese. HFCS ist viel süßer als ordinäre Sucrose und deswegen benötigt man eigentlich viel weniger davon. Aber irgendwann in den 1980ern erzählten uns Gesundheitsorganisationen (WHO/DGE) und Medien, dass Cholesterin tötet – was nach wie vor unbewiesen ist, wie ich hier dargelegt habe. Dennoch, zu einem bestimmten Zeitpunkt, spätestens seitdem Time Magazine 1984 mit dem berüchtigten Cover aufmachte

And now the bad news

kam die medienwirksame “Light-Welle” so richtig ins Rollen und weil fettfreie Nahrung so ungefähr nach alter Zeitung schmeckt, wurde das “böse” Fett durch “guten” Zucker ersetzt. Ein Blick auf die Chart verrät mir, dass der Anstieg des Gesamtzuckerkonsums ungefähr Anfang bis Mitte der 1980er so richtig in Fahrt gekommen ist. 

Es mag Zufall sein, dass diese Zahlen so wunderschön mit den in der Welt genannten Jahreszahlen korrelieren oder auch nicht. Tatsache ist, dass eine Korrelation zwischen Gesamtzuckerkonsum und Fettleibigkeit nicht von der Hand zu weisen ist. Wie ich bereits an anderer Stelle dargelegt habe, führt ein erhöhter Zuckerkonsum langfristig zu einer erhöhten Energieaufnahme und hormonell bedingt zu einer verminderten Verfügbarkeit von Depotfett. Das bedeutet, aufgrund der hormonellen Auswirkungen konsumierter Lebensmittel über einen längeren Zeitraum fällt es einigen Menschen schwerer Fett abzubauen, obwohl sie vergleichbar viel Energie zu sich nehmen. 

Für die Teile der Sport- und Fitnessgemeinde, die inbrünstig “eine Kalorie ist eine Kalorie” in den Raum brüllen, mag das unverständlich sein, es ist deswegen aber nicht weniger richtig. Selbstverständlich kommt es am Ende des Tages darauf an, dass man weniger Kalorien zu sich nimmt, als man verbraucht, so man denn abnehmen will, dennoch entscheidet die Ernährung darüber, wie viel gespeicherte Energie (auch Körperfett) für den Verbrauch verfügbar gemacht werden kann. Es sind schon dickleibige Menschen verhungert. 

Wer sich nun wundert, wie zuckerhaltige Produkte (und jede Menge Weißmehl) in unseren Nahrungskreislauf kommen, zusammen mit Stoffen, die von der Natur nie und niemals für den menschlichen Verzehr vorgesehen waren, der möge bei dieser Aussage, ebenfalls aus den USA, aufhorchen: 

[FAFH = Auswärts essen; FAH = Essen zuhause]

In 2014, fewer than 60 percent of suppers served at home were actually cooked at home, down from 75 percent in 1984 (Ferdman, 2015). The decreasing time spent on meal preparation and cooking reflects the primacy of food away from home (FAFH) in Americans’ routines. Americans aged 18 and over spent 65 minutes in meal preparation and cleanup in 1965 (Cutler et al., 2003), but by 2014, prep and cleanup time had fallen to 37 minutes per day (Hamrick and McClelland, 2016). This trend of cooking less and consuming more FAFH is not expected to subside for at least as long as Millennial consumers—who have a greater preference for prepared foods and more disposable income than older age groups do—continue to enter the workforce (Kuhns and Saksena, 2017). 

FAFH expenditures rose steadily between 1987 and 2017, with a concurrent decline in the share of FAH spending. In 2007, the FAFH and FAH shares of total food expenditures were approximately equivalent, but in 2008-09, the FAFH share dipped below 50 percent. By 2010, the FAFH market share surpassed the FAH market for the first time (fig. 3.1). FAFH expenditures totaled $616.4 billion in 2010, about 50.2 percent of total U.S. food spending for that year, equal to $332.0 billion in 1988 dollars (fig. 3.2). (Hervorhebungen von mir)

https://www.ers.usda.gov/webdocs/publications/90228/eib-196.pdf

Wiederum mag es Zufall sein, dass die Autoren des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums die Emphase auf einen Zeitraum von Mitte der 1980er bis heute legen. Vielleicht aber auch nicht. Sicher ist, dass die westliche Gesellschaft grundsätzlich in zwei Richtungen tendiert: ein kleiner Teil, darunter eine bunte Mischung aus körperbewussten Sportlern, Veganern, Keto-Carnivoren und Bildungsbürgern, legt vermehrt wert auf eine gesunde Ernährung und ist bereit, hierfür die nötigen Ressourcen an Zeit und Geld aufzubringen. Ein größer werdender Teil will oder kann das nicht und isst vermehrt auswärts, beziehungsweise setzt zuhause auf schnell verfügbare Nahrung. Die gestiegenen Ausgaben für das Essen außer Haus sind nicht etwa einer überhöhten Teuerungsrate, sondern in erster Linie dem erhöhten Konsum zuzuschreiben.

Mehr Bildung, weniger Gewicht

Diese Erkenntnisse vorausgesetzt, mag es wenig überraschen, dass Adipositas auch und vor allem ein soziales Problem ist. Das Vorkommen von Adipositas ist in den unteren sozialen Schichten ist bei Frauen dreimal so hoch, bei Männern doppelt so hoch wie in den oberen sozialen Schichten.

http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/69776/verzehrstudie-31-01-2008

Auslöser hierfür sind eine mangelnde Gewichtung sowie ein Mangel an Information über gesunde Ernährung und darüber hinaus die Tatsache, dass oftmals beide Elternteile berufstätig sind und gar nicht die Zeit hätten, sich täglich ausreichend um das Essen zu kümmern. 

Diese Faktoren sind meines Erachtens wesentlich bedeutsamer für die Lösung des Problems als die oftmals genannte Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Natürlich ist es im Internetzeitalter noch leichter, sich für Fertigessen und die Lieferung zubereiteter Nahrung zu entscheiden. Wer aber glaubt, das Angebot sei die Ursache für Fehlernährung, der hat ganz basale Gesetze der Marktwirtschaft nicht verstanden. 

In meiner Heimatstadt, derzeit unter den zwanzig größten Städten in NRW, gab es vor dreißig Jahren im engeren Stadtgebiet geschätzt weniger als 10 Möglichkeiten, sich Essen auf die Hand zu holen. Würstchenbude, Burgerbrater, Pizzamann, viel mehr war da nicht. Heute besteht die Innenstadt gefühlt nur noch aus Bekleidungsgeschäften und Restaurants. Man fragt sich unwillkürlich, wie all diese Anbieter ein gutes Geschäft machen können und die Antwort ist klar: der Markt ist groß genug für alle. Es wird aber kaum so gewesen sein, dass sich eine unabhängige Gruppe sinistrer Imbissbetreiber zusammengeschlossen und danach beschlossen hat, in einer eigenen Agenda 2020 so viele Fresstempel zu eröffnen, bis auch der letzte Bürger entnervt das Kochen dreingibt und endlich konvertiert. 

Andersherum wird ein Schuh draus. Die stetig gestiegene Nachfrage hat dazu geführt, dass neben Bäckereien, Supermärkten und klassischen Restaurants ein ganzes Segment an verschiedenen Fast Food Anbietern entstanden ist. Niemand will mehr kochen und das Ergebnis folgt so sicher, wie das Amen in der Kirche. Wenn Maria Brandkvist in der Einleitung ihres Textes also beschreibt

As a young adult I moved from Toronto to Stockholm to start my studies in medicine. Although the values of Swedes and Canadians are similar, my first impressions revealed some visible differences in how people live their lives. People ate warm meals for lunch as well as dinner and processed food seemed less available. People biked or took public transport as downtown Stockholm is inaccessible for cars. At quick glance, people walking in the streets of Stockholm seemed one size smaller than in my home town of Toronto. 

https://blogs.bmj.com/bmj/2019/07/03/maria-brandkvist-destigmatising-obesity-by-understanding-the-impact-of-genes/

dann hat sie das Problem damit schon richtig erfasst, sie verwechselt nur Ursache und Wirkung. So wie Amazon den Versand von Waren ins Eigenheim weder erfunden noch aufgezwungen, sondern nur konsequent zuende gedacht hat, so haben Imbissbetreiber die Bequemlichkeit der Menschen nicht forciert, sondern lediglich aufgenommen und versilbert.

Fazit

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer dass ich mir in der Diskussion ein bisschen mehr Ehrlichkeit wünschen würde. Es ist löblich, dass Magazine wie Die Welt immer mal wieder auf die Gefahren von Fettleibigkeit hinweisen, warum man um die Ursachen herumlaviert ist mir hingegen völlig schleierhaft. 

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: der Verzehr von zubereiteter Nahrung korreliert ziemlich genau mit der massiven Ausbreitung des Problems, und das übrigens weltweit. Selbst in Japan, der ehemaligen Vorzeigenation in Sachen Ernährung, wendet sich das Blatt. Sollen wir davon ausgehen, dass sich das Genmaterial verändert hat oder dass die reine Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln außer Haus die Menschen hypnotisiert? Wahrscheinlicher ist, dass wir auch dort eine radikale Abkehr von alten Traditionen, darunter ist eben auch die Tradition der Nahrungszubereitung, erleben können, verbunden mit einer Auflösung althergebrachter Familienstrukturen. Solange sich diese Entwicklung nicht ändert, wird sich auch an dem Problem nichts ändern, weder auf der anderen Seite des Erdballs, noch in Schweden oder bei uns. 

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