Ursachen von Übergewicht in Deutschland

Geschrieben von Danny T. Schneider

Wenigstens is(s)t man nicht mehr allein: 50% der Frauen und 65% der Männer in Deutschland gelten laut WHO als übergewichtig. Im Bereich der Fettleibigkeit befindet sich jede fünfte Frau und jeder vierte Mann. Vor die Wahl gestellt würden die meisten Menschen dieser Gruppen wahrscheinlich lieber ein paar Kilo abnehmen, zum Idealgewicht ist der Weg aber weit. Oder wird es vielleicht nur falsch, wenn überhaupt, angefangen? Ich habe Menschen gesehen, die innerhalb einiger Monate 20, 30, 40 Kilo abgenommen haben und ich habe Menschen gesehen, die es jahrelang vergeblich versuchen. Ich weiß, was den Unterschied ausmacht.

Wie kann Übergewicht entstehen?

Wer Übergewicht loswerden möchte, muss verstehen, wie Übergewicht entsteht. Erklärungen gibt es viele, was in der Regel aber nur dazu führt, dass die Betroffenen überanalysieren und ratlos zurückbleiben. Von einer Diät zur nächsten springen und nachts medizinische Ursachen für Übergewicht googeln ist in der Regel wenig zielführend. Natürlich kann es diverse Gründe für zu viel Körpergewicht geben, meiner Erfahrung nach scheiden diese aber in den allermeisten Fällen aus. Wenn wir vermutlich falsche Erklärungen für Fettleibigkeit identifizieren, können wir uns den wahren Ursachen zuwenden und endlich anfangen zielgerichtet zu handeln.

Kurz erklärt: Was ist Übergewicht?

Für die Definition von Übergewicht in Deutschland ist der BMI Wert maßgeblich. Der Body-Mass-Index setzt Körpergröße zu Körpergewicht ins Verhältnis. Mit einem BMI Wert von >25 gilt man als übergewichtig, ab BMI Wert 30 als fettleibig (adipös).

Übergewicht Definition nach WHO

Die Adipositas Grad 3 wird als Adipositas Permagna definiert.

BMI berechnen: Körpergewicht / Körpergröße² (in Metern)

Beispiel für Größe 174cm und 80kg Körpergewicht:

1,74*1,74 = 3,0276

80/3,0276= 26,4 BMI

Zusätzlich gibt der Wert der abdominalen Adipositas Auskunft über das vorhandene Gesundheitsrisiko bei Übergewicht bezüglich Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hierfür wird schlicht der Bauchumfang gemessen. Für einen genauen Wert empfehle ich, einmal über, unter und direkt auf dem Bauchnabel zu messen und die Summe der gemessenen Werte durch drei zu teilen. Gemessen wird im entspannten Zustand, hierfür einmal tief einatmen, vollständig ausatmen und messen.

Es liegt (wahrscheinlich) nicht an einer Erkrankung

Häufig werden einige Erkrankungen als Ursache für Übergewicht genannt, darunter nicht selten die Hypothyreose. Folgen einer solchen Schilddrüsenunterfunktion sind unter anderem Müdigkeit, trockene Haut, Konzentrationsstörungen und eben auch Übergewicht. Das Dilemma beginnt genau hier, denn die genannten Störungen werden natürlich auch durch viele andere Faktoren in unserer Gesellschaft beeinflusst. Als Ursache für die sprunghafte Ausbreitung der Fettleibigkeit in Deutschland kommt die Schilddrüsenunterfunktion eher nicht in Frage. 

Schon allein deswegen, weil die Prävalenz, das Auftreten der Erkrankung in der Bevölkerung, irgendwo zwischen 0,25% und 1% liegt. Zudem tritt ein Großteil der genannten Symptome, vermutlich aufgrund unzureichender Nährstoffversorgung, erst ab dem 60. Lebensjahr auf. Dies deckt sich nicht mit dem Verlauf der Adipositas in Deutschland, welche vermehrt bereits in der Altersgruppe unter 20 Jahren zu beobachten ist. 

Während eine medizinische Abklärung des Sachverhalts im Zweifelsfall durchaus anzuraten ist, ist ebenfalls davon auszugehen, dass eine Schilddrüsenerkrankung nur für einen Bruchteil der Leser dieses Artikels als Ursache für einschlägige Probleme in Frage kommt.

Es liegt nicht an der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln

Neben allerlei Erkrankungen wird gerne die Genetik bemüht, wenn es um das Thema Übergewicht geht. Es scheint hier eine seltsame Form von stiller Übereinkunft zwischen den verschiedenen Verantwortlichen zu herrschen, denn Genetik ist vor allem eines: unveränderlich. Keine Diät, keine neue Lebensweise, keine Entscheidung vermag den Code zu ändern, der unser aller Leben bestimmt. Wenn man sich also schon die Länge seiner Nase nicht aussuchen konnte, macht es Sinn, auch bei allen anderen unangenehmen Körpereigenschaften auf dieselbe Quelle zu verweisen. 

Die innere Einstellung zum unabänderlichen Schicksal ändert sich eigentlich erst mit dem Entschluss, etwas an seinem Lebensstil zu ändern. In meiner professionellen Laufbahn sind mir nicht viele Menschen begegnet, die bei Trainingserfolgen, Ernährungsumstellungen und der damit verbundenen positiven Körperentwicklung auf gute Gene verwiesen hätten. Eigentlich keiner. Ausnahmslos alle hielten solche Erfolge für das Ergebnis harter Arbeit und waren angemessen stolz darauf. 

Damit ist nicht gesagt, dass die Gene keine Auswirkung auf Fettdepots oder sportlichen Erfolg hätten, ich möchte lediglich zwei weit verbreitete Annahmen zur Debatte stellen:

  1. Die Annahme, dass das eingangs genannte Phänomen auch nur ansatzweise mit Genetik im engeren Sinn zu erklären wäre. 
  2. Die Annahme, es gäbe überhaupt Gene, die Fettleibigkeit im Sinne der WHO bedingen.

Die Beweisführung für den ersten Punkt ergibt sich aus den verfügbaren Statistiken zum Thema Übergewicht. Da zeigt sich im weltweiten Vergleich folgende Situation:

Quelle: www.thelancet.com

Dieses auf den ersten Blick schöne Farbenspiel malt ein trauriges Bild. Seit 1975 hat sich die Zahl der fettleibigen Kinder verzehnfacht, während ich dies schreibe, befinden wir uns weltweit jenseits der 120 Millionen, ein Ende ist vorerst nicht abzusehen. 

Reflexartig könnte man jetzt auf die stark gestiegene Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, gerade in den Entwicklungsländern verweisen und hätte damit aber nur die halbe Wahrheit erwischt, wie wir unter Punkt 2 sehen werden. Wie steht es dann aber mit dem Umstand, dass sich allein die Zahl der fettleibigen Jungen zwischen 5 und 19 Jahren in Deutschland in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht hat? Ich bin in den 80ern aufgewachsen und sehr sicher, dass es damals schon für den Großteil der Bevölkerung genug zu essen gab und zwar jederzeit, zuhause und unterwegs. 

Wer sich erinnert: die Regale der Supermärkte waren bereits damals reichlich mit Süßigkeiten gefüllt und diese waren bestimmt nicht gesünder als heute. Fertiggerichte waren allseits verfügbar und die Beliebtheit der Fast Food Restaurants war vor 40 Jahren genauso hoch, nur waren diese noch nicht so vielfältig wie heute und hießen in der Regel Frittenbude. Wer einen Anstieg von 200%(!) unter den fettleibigen Jungen in Deutschland mit Verfügbarkeit von Nahrung erklären will, müsste schon definieren, was er denn mit dieser Verfügbarkeit wirklich meint.

Angeborene genetische Faktoren verantwortlich zu machen, erklärt die Entwicklung ebensowenig, denn wir müssten dafür annehmen, dass sich das Fett-Gen gleich einem Virus in der Bevölkerung verbreitet, sich quasi einen evolutionären Vorteil erarbeitet hätte. Das ist Blödsinn, genauso, wie die Postulierung eines Fett-Gens Blödsinn ist. 

Ist Adipositas vererbbar?

Reißerische Titel sind die Währung der Medien. Wenn allerdings eine große Wochenzeitung, wie vor Jahren geschehen, titelt “Zum Dicksein verdammt: Fettleibigkeit ist vererbbar”, dann frage ich mich, ob man die verantwortlichen Redakteure nicht haftbar machen könnte. Haftbar für die Verzweiflung und die Tränen eines jeden übergewichtigen Kindes und Teenagers, in der Schule gehänselt und sozial ausgegrenzt, nun vor dem Spiegel stehend, mit der angeblichen Gewissheit, dass nichts was er oder sie tut jemals einen Unterschied machen wird, denn Mama und Papa sind auch fett. 

Bevor ich meiner Abscheu vor solcherlei Publikationen weiter Raum gebe, möchte ich auch erwähnen, dass der dazugehörige Text durchaus differenzierter berichtet, aber wer liest schon noch jenseits der Überschrift?

Fettleibigkeit ist vererbbar, aber anders als du denkst

Wenn wir als medizinische Laien mit dem Begriff Genetik konfrontiert sind, dann stellen wir uns einen fixen Code vor, der ausgelesen wird und unser Leben bestimmt. Nicht nur körperliche Merkmale, sondern auch Verhaltensweisen schreiben wir gerne unseren Vorfahren zu und wer könnte das bestreiten, wenn Vater und Sohn nicht nur die gleichen Gesichtszüge haben, sondern auch in gleicher Haltung und Gestik am Samstag mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher sitzen und Fußball schauen?

Tatsächlich ist die Sache ein wenig komplizierter. Es gibt die Erbinformation, die wir stark vereinfacht mal als Code betrachten wollen und dieser Code ist fix, aber auch unendlich lang. Was jetzt kommt ist so wichtig, dass ich es mal absetze:

Umwelteinflüsse und Verhaltensweisen bestimmen, welcher Teil der Erbinformation ausgelesen wird.

Man spricht hier von Epigenetik, um beeinflussende Faktoren jenseits der Genetik zu kennzeichnen. In diesem Zusammenhang wird oft von einem Experiment berichtet, welches die Tragweite der obigen Feststellung verdeutlicht. 

In diesem Experiment wurden Ratten mit Stromschlägen “konditioniert”, nachdem sie zuvor dem Geruch von Acetophenon ausgesetzt waren. Erwartbar reagierten die Tiere schon nach kürzester Zeit stark verängstigt auf den unheilverheißenden Geruch. Geradezu sensationell war aber die Erkenntnis, dass auch die Kinder und Kindeskinder der Ratten erhöhte Stresswerte aufwiesen und nervös auf Geräusche reagierten, sobald sie dem Geruch von Acetophenon ausgesetzt waren, und zwar ohne dass diese jemals mit Stromschlägen in Berührung gekommen wären!

Der Effekt stellte sich selbst dann ein, wenn nur ein Eltern- oder Großelternteil auf diese Weise traumatisiert wurde und Nachkommen mit einem “gesunden” Partner zeugte. Heute wissen wir aus der Epigenetik, dass vor allem sich oft wiederholende Umstände und Verhaltensweisen Einfluss auf die Konditionierung der Nachkommen haben, von der Mutter ist der Einfluss zumeist stärker als vom Vater. Wir können uns vielleicht darauf einigen, dass sich kaum eine Konditionierung in unserem Leben so oft wiederholt, wie die tägliche Nahrungsaufnahme. 

Was macht es also für einen Unterschied, ob das Übergewicht genetisch oder epigenetisch bedingt ist? Es macht zwei ganz wesentliche Unterschiede. Zum einen verdeutlicht es unsere Verantwortung für eine gesunde Ernährung, nicht nur zu unserem Wohl, sondern auch dem Wohl unserer Kindeskinder. Zum anderen sind epigenetische Einflussfaktoren reversibel, weil die Natur kurzfristige Veränderungen auf Umwelteinflüsse durchaus vorsieht. Im Gegensatz zum Gencode selbst können wir epigenetische Faktoren durch bewusste, gute Entscheidungen beeinflussen – aus Schicksal wird Handlungsspielraum.

Es liegt (vielleicht) an deiner Kindheit

Übergewicht bei Kindern ist ein hausgemachtes Problem – und manchmal das einzige, was hausgemacht ist. Mit dem Satz bin ich gerne mal negativ aufgefallen, wohl wissend, dass auch mein Sohn nicht das ideale Vorbild in puncto Ernährung hatte. Ein Phänomen, das ich allerdings immer wieder beobachte ist folgendes: Eltern benutzen Nahrung als all das, was es gerade nicht sein sollte. Als Belohnung. Als Strafe. Als Sedativum. Man mag den Deal “Rosenkohl essen = Schokoeis als Nachtisch bekommen” als geschickten Schachzug verstehen, allerdings verzerrt er nachhaltig die Bedeutung von beiden Lebensmitteln in den Augen eines Kindes. Gemüse ist die Last, die Gott mir auferlegt; Schokoeis ist die Erlösung von den Leiden naturbelassener Nahrung. 

Schlimmer noch ist das sich wiederholende Bild, wenn ohnehin schon übergewichtige Kinder mit gezuckerten Getränken und Weißmehlprodukten vom Bäcker ruhiggestellt werden, weil die Eltern in Ruhe einkaufen und am Handy spielen möchten, ohne dass der schreiende Zwerg die halbe Innenstadt unterhält. Natürlich ist der Wunsch der Eltern nach schneller Abhilfe irgendwie nachvollziehbar, wenn das Kind seiner emotionalen Unzufriedenheit durch lautes Brüllen Ausdruck verleiht. Aber haben wir das Konzept der Konditionierung wirklich verstanden? Wundern wir uns denn noch, wenn dieses Kind dereinst als junger Erwachsener einsam vor dem Fernseher sitzt und die emotionale Notlage mit Chips und Coke bewältigt? So haben wir es ihm doch beigebracht.  

Adipositas bei Kindern entsteht häufig, wenn Eltern sich nachlässig verhalten. Spielen wir das von mir beobachtete Schema über einige Dekaden durch, so finden wir eine Generation vor, die in ihrer Epigenetik schlechte Karten zugeteilt bekommen hat, weil schon Mama und Papa sich schlecht ernährt haben und die darüber hinaus negative Handlungsmuster bezüglich der eigenen Ernährung erlernt hat. Übergewicht in Schwangerschaft und früher Kindheitsphase sind nicht selten die Grundlage für Adipositas Kinder. 

Genau hier hat das Übergewicht bei Kindern die Ursache und nicht in einem ominösen Überangebot von Nahrungsmitteln, welches erst das Kind und dann der Erwachsene wie von Geisterhand gesteuert in sich hineinfrisst. 

Der Punkt ist aber nicht nur, dass Eltern den Nahrungsmitteln eine Funktion zuweisen, die sie eigentlich nicht haben sollten, sondern auch und vor allem, welche Nahrungsmittel sie dafür verwenden. Hier liegt der Schlüssel zur Lösung des Problems für fettleibige Kinder und Erwachsene.

Warum kann ich nicht aufhören zu essen?

Zur Klärung der Frage, warum natürliche Instinkte bei unserer Nahrungsaufnahme nicht mehr zu funktionieren scheinen, wenden wir uns kurz anderen Schutzbefohlenen zu, den Haustieren. Die Katze, des Deutschen liebstes Kind, ist quasi Familienmitglied und wird nicht selten rund um die Uhr umsorgt. Dennoch, oder gerade deswegen, ist von Zeit zu Zeit das Phänomen zu beobachten, dass die Viecher lethargisch und völlig verfettet höchstens noch auf das Öffnen einer Dose reagieren. Eine besonders perfide Form der Tierquälerei, die ausnahmslos mit der Gedankenlosigkeit von “Mama” oder “Papa” zusammenhängt. 

Es gibt unzählige Tierarten auf der Welt und nicht eine davon neigt zur Fettleibigkeit, es sei denn, es ist genetisch dafür prädestiniert (ja, hier sind es wirklich die Gene), zum Beispiel bei Arten, die sich vor dem Winterschlaf eine Speckschicht anfuttern. Wer auch hier argumentiert, dass dieser Umstand mit dem Nahrungsangebot zu tun hat, der müsste ebenfalls erklären, warum Tiere in Zeiten eines knappen Nahrungsangebots zwar abmagern, in Zeiten eines reichen Angebots aber nicht verfetten. Klar, in der Wildnis muss Nahrung, anders als bei den meisten Stubentigern, erarbeitet werden, aber ob die kurzen Sprints des Löwen wirklich das praktisch unbegrenzte Kalorienangebot eines erlegten Büffels ausgleichen? Eher nicht. 

Dennoch gibt es keine übergewichtige Katze in der Wildnis und der Grund dafür liegt woanders. Wilde Tiere haben ein gesundes Sättigungsempfinden, sie essen viel, aber unregelmäßig und snacken sich nicht durch den Tag. Darüber hinaus scheint ihr Körper selbst bei 40 Kilo Büffelfleisch (jenseits der 50.000 Kalorien!) anders auf die aufgenommene Nahrung zu reagieren, als die übergewichtige Hauskatze bei einer wesentlich geringeren Menge, auch wenn man das Körpergewicht ins Verhältnis setzt. Es gibt nur einen Grund, warum Tiere verfetten und zwar, weil sie dem Menschen zu nahe gekommen sind. 

Das Problem mit unserer Ernährung

Halten wir fest: weder Genetik noch ein reiches Nahrungsangebot kommen als Ursache des Massenphänomens Fettleibigkeit in Frage. Hingegen ist angelerntes Essverhalten, bei der Katze wie beim Kind, durchaus ein Teil des Problems. Das erklärt aber noch nicht ausreichend, warum wir praktisch durchgehend zur Nahrungsaufnahme bereit sind und warum sich allein die Körper von Menschen und Haustieren in morbide Fleischberge verwandeln lassen, die so in der Natur nicht möglich wären. 

Betrachtet man das Problem wie beschrieben, liegt die Lösung eigentlich auf der Hand:

Unnatürliche Körperfülle erreicht man nur durch unnatürliche Nahrung

Ärzte wissen das. Bodybuilder wissen das. Warum gerade in einem Bereich, der uns alle täglich angeht, so ein Eiertanz aufgeführt und nach allen möglichen Erklärungen gesucht wird, ist mir völlig unverständlich. Ja, es gibt Erkrankungen, die Fettleibigkeit begünstigen, aber im Regelfall ist Übergewicht die Reaktion des Körpers auf artfremde Ernährung. 

Bereits 2013 hat der amerikanische Kinderarzt und Neuroendokrinologe Dr. Robert Lustig  in seinem Buch “Fat Chance” genau auf diese Entwicklung hingewiesen: die Zahl der Jugendlichen mit Typ 2 Diabetes (Altersdiabetes!) steigt rapide an; mehr als 40% aller Sterbeurkunden in den USA weisen Diabetes als eine Todesursache aus. Folgekrankheiten aus krankhaftem Übergewicht nehmen in dem Maße zu, indem wir uns von einer naturbelassenen Ernährung verabschieden. 

Da mag die Deutsche Gesellschaft für Ernährung noch so sehr den Fleischkonsum als Übeltäter ausgemacht haben, die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Im selben Zeitraum, in dem sich die pandemische Ausbreitung des Übergewichts abgespielt hat, also ungefähr seit den 1980er Jahren, ist der Gesamtkonsum von tierischen Fetten in den USA um 10% gesunken, der Verzehr von ballaststoffarmen Kohlenhydraten und Fruktosesirup deutlich gestiegen. Die damit verbundenen Veränderungen im Hormonhaushalt des Menschen, der auf diese Art der Nahrung nun ganz und gar nicht vorbereitet ist, setzt eben jene Prozesse in Gang deren Auswirkungen wir derzeit im größten Ernährungsexperiment aller Zeiten genannt “westliche Standarddiät” beobachten können.

Einfach abnehmen?

Die Lösung des Problems ist unkompliziert, aber auf persönlicher Ebene nicht einfach. Ich verstehe, inwiefern die oben angesprochenen Probleme der Epigenetik und des erlernten Essverhaltens so manchem guten Vorsatz einen Strich durch die Rechnung machen. Dennoch bin ich überzeugt, dass der aufgezeigte Handlungsspielraum jedem Menschen zu einem gesünderen Leben und bei Bedarf zum Wohlfühlgewicht verhelfen kann. 

 Wer Gewicht verlieren und dauerhaft abnehmen möchte, muss zunächst eine solide Strategie entwickeln, kurzfristiger Aktionismus a lá Kohlsuppendiät endet meistens im Desaster. Im Licht der hier aufgezeigten Erkenntnisse kann die Strategie nur lauten: zurück zu einer naturbelassenen Ernährung. Aber wie stellen wir das an? In meinem Buch habe ich die Ursachen und Auswege aus einer falschen Ernährung genau aufgezeigt, wer eine solide Grundlage für eine langfristige Ernährungsphilosophie haben möchte, dem sei die Anschaffung empfohlen.

Allen anderen möchte ich hier zum Abschluss noch fünf Merksätze mit auf den Weg geben, die als Grundgerüst einer solchen Ernährungsphilosophie dienen können:

5 Regeln für eine gesunde Ernährung, mit der du Pfunde verlierst

Vermeide Produkte mit einer Zutatenliste, die du nicht verstehst

Wir haben uns schon viel zu lange daran gewöhnt, Dinge zu essen, die wir nicht verstehen. Es wird Zeit, sich wieder zu entwöhnen. Eine Zutatenliste verheißt generell nichts gutes, solange Dinge wie Basilikum, Tomaten und Salz darin zu finden sind, ist es aber zumindest vertretbar. Carrageen und Acesulfam sind hingegen keine Stoffe, die dein Körper als Lebensmittel wahrnimmt. Lass die Finger davon. 

Vermeide Produkte, die beworben werden

Abgesehen von kurzen Image-Kampagnen des Bauernverbands oder Bäckerhandwerks finden sich naturbelassene Produkte kaum in der Werbung wieder. Das hat einen Grund. Werbezeit ist teuer und Geld wird in erster Linie in die Hand genommen, wenn die Lebensmittellaboranten eine chemische Zusammensetzung entwickelt haben, die höhere Verkaufszahlen verspricht. Als Fan des Marketing bewundere ich erfolgreiche Verkaufstaktiken, die nicht für einen Moment auf den Inhalt des Produkts eingehen. Als Ratgeber in Sachen Ernährung sage ich: “Neuen” Nahrungsmitteln sollte man immer kritisch gegenüberstehen. 

Vermeide Produkte, die deine Oma nicht verwendet hätte

Ähnliches Argument wie vorher, allerdings noch mit einem anderen Dreh: nehmen wir die oben erwähnte Epigenetik beim Wort, dann ist davon auszugehen, dass unsere Darmflora dafür ausgelegt ist, bestimmte Lebensmittel besonders gut zu verdauen und zwar solche, die von direkten Vorfahren bereits verdaut wurden. Anstatt der Steinzeit-Paleo-Diät nachzujagen, würde ich regionale Lebensmittel bevorzugen, die im Zweifelsfall eben schon von meinen Großeltern konsumiert wurden. Es lohnt sich durchaus, nach überlieferten Rezepten zu fragen und diese nach und nach in den Speiseplan zu integrieren. Es scheint mir auf jeden Fall sinnvoller, als sich dreimal pro Woche Essen aus allen Ecken der Welt nach Hause liefern zu lassen. 

Vermeide Produkte, die Weißmehl enthalten

Wer schnell abnehmen möchte, ohne dabei seine gesamte Ernährung über den Haufen zu werfen, der sollte diesen und den folgenden Tipp auf jeden Fall umsetzen. Durch keine andere Maßnahme kommt man so schnell ans Ziel. 

Weißmehl ist kein naturbelassenes Produkt. Zwar ist es schon seit Generationen eine Grundzutat für verschiedene Lebensmittel, insofern macht diese Regel vielleicht den Anschein, dass sie den vorangegangenen widerspricht, die inflationäre Verwendung in allen möglichen Lebensmitteln ist allerdings ohne Beispiel in der Menschheitsgeschichte. Damit wir das klar abgrenzen: wer sich gerne seine Schnitzel selber panieren möchte und dafür Weißmehl verwendet, der soll das bedenkenlos tun. Die x-fache Menge dessen durch verpackte Kuchen, Kekse, etc. oder durch Backwaren auf die Hand zu sich zu nehmen ist hingegen die Eintrittskarte in eine persönliche Hormonhölle. 

Weißmehl ist von jeglichen Ballaststoffen befreit und gelangt somit ungebremst in die Blutbahn. Für die Verarbeitung werden stattliche Mengen Insulin benötigt, Insulin wiederum kann als Ursache für das massive Übergewicht in unserer Gesellschaft identifiziert werden. Die wiederholte Aufnahme großer Mengen Weißmehls ist im System Mensch schlicht nicht vorgesehen und führt im Ergebnis zu der Ausbreitung von Volkskrankheiten und Fettleibigkeit. Bestes Mittel gegen solcherlei Versuchungen sind übrigens großzügige und vollwertige Hauptmahlzeiten, Weißmehlprodukte der gefährlichen Art werden nämlich fast ausschließlich als Snack zwischendurch konsumiert. 

Vermeide Produkte, die Zucker und Fruktose enthalten

Gleiches lässt sich über gezuckerte Produkte sagen. Hier wäre es also leicht, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem man schlicht keine Zwischenmahlzeiten konsumiert. Ein besonderes Problemfeld stellen die gezuckerten Getränke dar, die aufgrund der flüssigen Darreichungsform noch schneller große Mengen Energie in den Körper bringen, mit denen dieser dann nicht fertig wird. Wer sonst auf nichts verzichten mag, der möge sich zumindest von gesüßten Getränken trennen. 

Das gilt im Übrigen auch für Fruchtsäfte. Nach wie vor wird von der Industrie (und leider auch der DGE) die Falschmeldung in die Welt gesetzt, bei reinen Fruchtsäften handele es sich um ein gutes, naturbelassenes Produkt. Mir persönlich sind aber noch keine Fruchtsaftbäche in der Natur begegnet. Wird der Saft von seiner natürlichen Darreichungsform, der Frucht, getrennt, erhalten wir das gleiche Ergebnis wie mit dem Weißmehl. Für die Verarbeitung notwendige Ballaststoffe gehen verloren, die Energie gelangt ungebremst ins System. Das gilt auch dann, wenn die Frucht industriell zu Kleinstpartikeln geschreddert und vollmundig als “mit Fruchtfleisch” verkauft wird. 

Die in gezuckerten Getränken und einer Unzahl an verarbeiteten Lebensmitteln vorhandene Fruktose löst keinen unmittelbaren Insulinschub aus, damit hören die guten Nachrichten aber auch schon auf. Die Verarbeitung der Fruktose findet ausschließlich in der Leber statt (als wenn das arme Organ nicht schon genug zu tun hätte), diese baut verzweifelt Transporter um die gesammelte Energie als Fettsäuren abzutransportieren und einzulagern. Hierfür wird dann wiederum Insulin benötigt. 

Solange der Prozess gelingt, werden betroffene Personen einfach nur fett und hormonell krank. Wird zu viel Fruktose aufgenommen, bildet sich eine sogenannte nicht-alkoholische Fettleber. Die Namensgebung verrät schon, dass das Phänomen bis vor einigen Jahren gar nicht bekannt war, Fettleber war ein Problem von Gewohnheitstrinkern. Inzwischen fluten bereits Jugendliche mit den Leberwerten von Gewohnheitstrinkern die Arztpraxen, obwohl ihre Eltern im Zweifelsfall peinlich genau darauf achten, dass die lieben Kleinen nicht zu viel trinken. Wenn man allerdings zulässt, dass die Hälfte der konsumierten Nahrung erreicht wird, nachdem man eine Plastikverpackung aufgerissen oder eine Bestellung aufgegeben hat, bekommt man durch die Hintertür das gleiche Ergebnis. 

Meines Erachtens gibt es nur einen Ausweg aus der Misere: Verpackten Produkten, gerade wenn diese “Fruktose”, “Fruktosesirup” oder “Fructose-Corn Syrup” ausweisen, äußerst kritisch gegenüberstehen und den Körper nicht noch zusätzlich durch gezuckerte Getränke, das gilt auch für Fruchtsäfte, belasten. 

Fazit

Eingangs habe ich versprochen, den Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger (gar nicht) erfolgreichen Abnehmkonzepten zu verraten und den will ich natürlich nicht vorenthalten. Es handelt sich zusammengefasst um zwei Schritte: 

Erstens erkennen Menschen, die ein gesundes Körpergewicht erreichen und langfristig halten, ihre Selbstwirksamkeit an. Genetische Faktoren und Umwelteinflüsse werden zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht als bestimmend für das eigene Schicksal angesehen, man ist sozusagen “Kapitän des eigenen Schiffes”. Um diese Sichtweise zu erreichen muss man zunächst Vertrauen zu sich selbst gewinnen, dies geschieht meist nicht durch Hau-Ruck-Abnehmprojekte, die irgendwann schiefgehen, sondern durch die Implementierung kleiner Maßnahmen und damit kleiner Siege im Alltag. Weiterhin muss man sich von einer gewissen Opferkultur lösen, die meiner Meinung nach in unserer Gesellschaft immer mehr um sich greift. Wer sich als Opfer äußerer Umstände wähnt und sich in der Niederlage einrichtet, der unternimmt Abnehmversuche nur noch pro forma und mit eingebauten Mechanismen des Scheiterns (sprich: Radikaldiäten).

Zweitens gilt es sich von der Vorstellung zu lösen, dass irgendeine Diät im engeren Sinne Abhilfe schaffen könnte. Wie gesagt, als Marketingexperte feiere ich die Kohlsuppendiät oder Abnehmpillen als gelungenen Schachzug, was Menschen dabei im Kopf vorgeht, verstehe ich aber nicht so richtig. Was soll denn nach sechs Wochen Kohlsuppe passieren? – Noch mal sechs Wochen? Oder verhindert das Zeug auf magische Weise, dass beim Umstieg auf die vorherige Ernährung nicht sofort wieder mindestens genauso viele Kilos auf den Hüften landen?

Die Lösung kann nur in einer langfristigen Ernährungsphilosophie bestehen, die eine große Bandbreite an Lebensmitteln nach wie vor zulässt. Diese Ernährungsphilosophie habe ich versucht hier darzulegen. Sie ist abwechslungsreich, erlaubt Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Getreideprodukte, etc. und fußt schlussendlich nur auf den Ausschluss bestimmter Lebensmittel, welche das Massenphänomen der Fettleibigkeit in Gang setzen. Das Beste ist aber: du kannst praktisch sofort damit anfangen. Viel Erfolg!

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